Kinderliterarisches Kolloquium

Einladung zum kinderliterarischen Kolloquium

Termin: 01. Dezember 2022, 14:00 bis 18:00 Uhr
Ort: Online - Zugang wird nach Anmeldung verschickt

Thema: Krieg und Frieden in den slavischen Kinderliteraturen
In Form von kurzen Impulsreferaten soll zum Thema Krieg und Frieden in den süd-, west- und ostslavischen Kinderliteraturen mit jeweils anschließender Diskussion des Referats und der vorbereitenden Lektüre die Materie besprochen werden.

Das Kolloquium soll interessierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern Raum für Diskussionen rund um den weit verstandenen Themenkomplex slavischer Kinder-/Jugend-/Crossover-Literatur/Kultur bieten. Dabei sollen theoretische Texte ebenso diskutiert werden, wie eigene Forschungsbeiträge und curriculare Fragen.

Um Anmeldung unter klk@slavistik.uni-halle.de wird gebeten. Nach der Anmeldung erhalten Sie die Zugangsdaten zur Webex-Plattform, über die das Treffen stattfinden wird, sowie den Zugang zur Dropbox mit den Texten für die Vorbereitung.

Programm

 

(Quelle: Aussendung)


Rückblick auf die heurige Herbsttagung „Show me the World – Sachbücher in und aus Österreich“

Einführung in die Tagung Susanne Blumesberger

Einführung in die Tagung Susanne Reichl

Susanne Blumesberger und Susanne Reichl

Joseph Kebe-Nguema und Susanne Reichl

Orel Beilinson und Susanne Reichl

Ilona Stütz und Susanne Blumesberger

Susanne Blumesberger, Susanne Reichl und Sonja Schreiner

Carla Basset

Susanne Blumesberger und Karoline Thaidigsmann

Werkstattgespräch: Dariya Manova, Melanie Laibl, Carmen Sippl und Audienz

Werkstattgespräch: Dariya Manova, Melanie Laibl, Carmen Sippl und Audienz

Die Jahrestagung 2022 der Österreichischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendliteraturforschung fand – nicht zuletzt aufgrund der thematischen Nähe – im unmittelbaren Anschluss an die internationale Tagung „Marie Neurath and Isotype Picturebooks“ (19.-20. Oktober 2022, Wiener Wirtschaftsmuseum) am 21. Oktober 2022 ebendort statt und widmete sich aktuellen und historischen Sachbüchern für Kinder und Jugendliche aus dem deutschsprachigen Bereich. Zum ersten Mal in der Geschichte der ÖG-KJLF wurde die Jahrestagung hybrid abgehalten, was auch Interessent*innen aus dem Ausland die Möglichkeit bot, sich zuhörend und mitdiskutierend zu beteiligen.

Dass das Sachbuch nicht nur eine lange Geschichte hat, sondern auch in unterschiedlichsten Ausprägungen vorliegt, zeigten die Vorträge, die nicht nur zeitlich, sondern auch thematisch einen weiten Bogen spannten. Die These, dass das Sachbuch trotz der großen Konkurrenz des Internets, Sachbücher, die in großer Fülle produziert werden, auch immer noch rege – nicht nur von Kindern – gerne rezipiert werden, lässt sich hiermit bestätigen.

Die Tagung startete mit einem Rückblick von Susanne Blumesberger unter dem Titel „Einblicke in unbekannte Welten. Marie Neuraths Sachbücher für Kinder“ auf die vorherigen beiden Tage, an denen sich zahlreiche internationale Forschende intensiv mit Marie Neurath beschäftigten. Marie Neurath, geb. Reidemeister (1898- 1986) studierte Mathematik und Physik an mehreren deutschen Universitäten und an der Kunstakademie in Wien. Sie arbeitete ab 1925 als Assistentin von Otto Neurath im Wirtschafts- und Gesellschaftsmuseum Wien, entwickelte mit ihm die Isotypie (Bildstatistik), emigrierte 1934 nach Holland, wo sie bei der International Foundation for Visual Education tätig war. Später lebte sie in Oxford und gründete mit Otto Neurath, den sie 1941 geheiratet hatte, das Isotype-Institut. Nach Otto Neuraths Tod führte sie das Institut weiter und schuf zahlreiche Kinderbücher, in denen sie die Methode der Bildstatistik für ihr Konzept einer visuellen Erziehung produktiv anwandte. Unter anderem stellte sie ihre Bücher in Schulen in Nigeria vor. Dass ihre Art zu visualisieren auch spätere Autor*innen beeinflusste und auch heute noch Forschung auf der Basis der Bildstatistik basierte, zeigte die Tagung über diese ungewöhnliche Frau.

Joseph Kebe-Nguema, Doktorand an der Sorbonne Université und an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen referierte über „Deutschkärntner als Befreiungskämpfer und Antislawismus im Jugendsachbuch Kärnten: Für Jugend und Volk zusammengestellt (1935) von Else Frobenius“. Er griff damit das Thema „Auslandsdeutschtum“ auf, das ab der Mitte der 1920er Jahre in der Reihe „Der Deutsche im Auslande“, vom Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht herausgegeben, im Fokus stand. Dabei standen vor allem deutsche Minderheiten im Vordergrund. Das im Vortragstitel erwähnte Jugendsachbuch wurde erstmals 1929 publiziert, 1935 wurde es erneut veröffentlicht und ideologisch angepasst. Rassistische Aspekte wurden betont und der Nationalsozialismus in Kärnten thematisiert. Kebe-Nguema beschäftigte sich vor allem mit Race und Klasse und deren zugewiesenen Rollen in diesem Werk. Dieses Beispiel zeigt, dass das Sachbuch trotz aller Sachlichkeit nie wertfrei zu sehen ist, sondern in sich stets Ansichten und Wertvorstellungen birgt.

Orel Beilinson, Doktorand an der Yale University, sprach über “Teaching Adulthood Youth, 1848-1968: Austrian Textual Models in a European Context”. Sein Vortrag nahm Publikationen in Österreich von der Mitte des neunzehnten bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in den Blick. Darunter sind sowohl Predigten als auch Lehrbücher, die die Grundannahme teilen: Man wächst nicht einfach ins Erwachsenenalter hinein. Diese Werke über die Konstruktion der Adoleszenz und des jungen Erwachsenseins spiegelten auch wechselnde Vorstellungen darüber, was genau über das Erwachsensein gelehrt werden sollte. In seinem Vortrag verwob Beilinson drei Aspekte, die Vorbereitung auf das Erwachsensein von 1848 bis 1968 in Bezug auf Faktoren wie die Ausweitung der Massenschulbildung, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht und der Industrialisierung. Außerdem wurde thematisiert, welche gesellschaftlichen Akteure Autorität über den Übergang zum Erwachsensein beanspruchten und welche textlichen Modelle sie einsetzten, um junge Erwachsene auf das Erwachsensein vorzubereiten.

Ilona Stütz griff in ihrem Vortrag „Wie im Bilderbuch - Bilderbuchkörper” - Repräsentation von Körpern in erzählenden Sachkinder- und Jugendbilderbüchern“ ihr Diplomarbeitsthema, eine exemplarische Analyse aktueller österreichischer Sachbücher für Kinder und Jugendliche aus dem Achse Verlag und Leykam Verlag entlang eines intersektionalen Verständnisses von Diversität auf. Anhand von exemplarischen Analysen aktueller Kinder- und Jugendbücher aus Österreich, die zwischen 2020 und 2022 erschienen sind und sich explizit dem Thema „Körper“ widmen, ging sie der Frage nach, wie dieses Thema in Kinder- und Jugendbilderbüchern repräsentiert wird. Im Mittelpunkt stand die Frage, inwiefern gesellschaftliche Normen Auswirkungen auf das Darstellbare haben und wie sich Autor*innen, Illustrator*innen, aber auch Verlage diesen Erwartungen entgegenstellen oder auch beugen (müssen).

Sonja Schreiner, Universität Wien und Veterinärmedizinische Universität Wien, richtete ihren Blick mit ihrem Vortrag „Ab in die Natur mit dem Bestimmungsbuch! Die Ravensburger-Reihen ‚Kennst du diese...?‘ und ‚Wir entdecken und bestimmen...‘“ auf die späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre. Das Spektrum erstreckte sich von Dinosauriern über Gesteine, Wolkenformationen, Wild- und Haustiere bis zu Tieren im Zoo und Leben in der Stadt. Der Verlag Ravensburger (Otto Maier Verlag) zeichnete für die deutschsprachigen Ausgaben in zwei identisch aufgebauten Reihen („ Kennst du diese... „ und „Wir entdecken und bestimmen...“) verantwortlich. Die Werke waren für Kinder ab 8 Jahren konzipiert und mit ansprechenden Illustrationen und Kurzbeschreibungen versehen. Der Vortrag stellte damit eine heute in den Hintergrund getretene Buchgattung vor und setzte sie in Bezug zu entsprechenden Werken für Erwachsene, für die diese Reihen ebenfalls interessant sind. 

Carla Elizabeth Basset, sprach über ihre Masterarbeit an der Universität Innsbruck, Studienrichtung Translationswissenschaften, die sich mit translationswissenschaftlichen Herausforderungen bei der Übersetzung ausgewählter Medien zur medizinisch-terminologischen Fachwissensvermittlung bei Kindern beschäftigt. Im Fokus dabei stehen vor allem Schwierigkeiten bei der Übersetzung von Medien für Kinder mit dem Schwerpunkt auf medizinischer Terminologie. Jedes Medium weist individuelle Zugänge der Wissensvermittlung auf, trotzdem werden viele Parallelen sichtbar. Ein intermedialer und interdisziplinärer Ansatz trägt dazu bei, das Medium effizienter und genauer zu übersetzen.

Karoline Thaidigsmann, Dozentin am Slawischen Institut der Universität Heidelberg, sprach über das Thema „Vom Märtyrer- zum Staatsbürgertum: Patriotismus in der polnischen Kinder- und Crossoverliteratur des 21. Jahrhunderts“. 1900 veröffentlichte Władysław Bełza seinen „Katechismus des polnischen Kindes", ein Gedicht, das Generationen von polnischen Kindern in der Schule gelesen und auswendig gelernt haben. Dieses Gedicht wurde zum Paradigma für die Beziehung zwischen Individuum und Nation und eine Vorlage für patriotisches Verhalten. Thaidigsmann fokussierte sich in ihrem Vortrag auf jüngere Kinder- und Crossoverliteratur, die versuchen, Bełzas Katechismus – mit implizitem oder explizitem Bezug zum Original – zu unterminieren und in Abgrenzung dazu ein neues, kindgerechtes Verständnis von Patriotismus für das 21. Jahrhundert zu entwerfen und zu vermitteln. Anhand mehrerer aktueller Beispiele stellte sie die Frage, was moderne Crossover- und Kinderliteratur bei der Überwindung eines auf (Selbst-)Opfer fokussierenden traditionellen Patriotismus leisten kann und inwiefern Versuche, die Tradition zu dekonstruieren mitunter unbeabsichtigt zu ihrer Rekonstitution beitragen.

Abschließend trug Dariya Manova, Universität Wien, zum Thema „Spannender als jeder Abenteuer-Roman, aufschlußreicher als jedes Reisebuch, so buntfarbig wie nur das Leben selbst." – Zur Geschichte des deutschsprachigen Sachbuchs“ vor. „Sachbücher“, die in den 20er und 30er Jahren noch unter heterogenen Bezeichnungen wie „Wirtschaftsbuch“ oder „Tatsachen-Roman“ auf den Markt kursierten, verzeichnen nicht nur eine neue Phase in der Geschichte der populären Wissensvermittlung, sondern waren für die damalige Literaturproduktion prägend, so Manova. Diese Werke waren durch ihre explizite Tatsachenbezogenheit modern, zugleich aber auch ein sicheres Geschäft in Zeiten von zunehmender politischer Zensur. Verleger wie Ernst Rowohlt und Wilhelm Goldmann erkannten dies und investierten in Autoren mit journalistischer und wissenschaftlicher Laufbahnen. Zahlreiche dieser Sachbücher weisen eine große Nähe zu Abenteuerroman, Biographie und Reportage auf, was sie zu einem herausragenden Beispiel der Crossover-Literatur macht.

Einen krönenden Abschluss erfuhr diese Veranstaltung durch das in Kooperation mit dem „Vienna Anthropocene Network“ durchgeführte Werkstattgespräch „Das Anthropozän, für Kinder erklärt“, das Dariya Manova und Carmen Sippl, Hochschulprofessorin für Kultursemiotik und Mehrsprachigkeit an der PH Niederösterreich, mit der Autorin Melanie Laibl führte. Laibl, Übersetzerin und Kommunikationswissenschaftlerin, zeichnet sich in ihren Büchern für Kinder durch Originalität, hintergründigen Ideen und Sprachwitz aus. In ihren Sachbilderbüchern verbindet sie sorgsam recherchiertes Fachwissen mit sprachlichem Einfallsreichtum. Es war ein Genuss, diesem interessanten Gespräch mit der vielfach ausgezeichneten Autorin zuzuhören.

 

Ein Bericht von Susanne Blumesberger

 

 

 


Tagungsrückblick: Marie Neurath and Isotype Picturebooks

Bettina Kümmerling-Meibauer

Emma Minns

Gernot Waldner

Gökan Ersan

Ilgim Veryeri Alaca

Jörg Meibauer

Laura Little

Marnie Campagnaro

Nikola von Merveldt

Sarah Hoem Iversen

Silke Körber

Sonja Schreiner

Sue Walker

Susanne Blumesberger

Koordinator*innen Susanne Blumesberger, Bettina Kümmerling-Meibauer und Jörg Meibauer

Transforming knowledge for children

Am 19. und 20. Oktober 2022 fand im Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum Wien eine international besetzte Tagung statt, die von der ÖG-KJLF in Kooperation mit der Forschungsplattform „YouthMediaLife“ durchgeführt und von der Fritz Thyssen Stiftung (Köln) gefördert wurde. Die Koordinator*innen Susanne Blumesberger, Bettina Kümmerling-Meibauer und Jörg Meibauer wollten mit dieser ersten dem Vermächtnis Marie Neuraths gewidmeten Tagung auf diese außergewöhnliche Frau hinweisen, die einen herausragenden Beitrag zum Sachbilderbuch für Kinder geleistet hat. Marie Neuraths Überzeugung, dass es wichtig sei, Kindern zuverlässige Informationen über Natur, Gesellschaft und Technik zu geben, ist heute mehr denn je bedeutend.

Marie Neurath (1898–1986), eine Grafikdesignerin, die zwischen den 1940er und 1960er Jahren innovative Sachbilderbücher für Kinder schuf, entwickelte gemeinsam mit ihrem Mann Otto Neurath (1882–1945) und einem illustren Mitarbeiterstab eine Methode der visuellen Darstellung, die als Isotype (International System of Typographic Picture Education) bekannt wurde. Nach ihrer erzwungenen Flucht nach England gründeten sie 1942 das Isotype Institute in Oxford und erarbeiteten ein neues Konzept für Sachliteratur für Kinder, das auf der Isotype Methode basiert. Wissen über Wissenschaft, Geschichte und Technik sollte für Kinder leicht zugänglich gemacht werden. Nach Otto Neuraths Tod im Jahr 1945 setzte Marie Neurath dieses Projekt fort. Sie schuf gemeinsam mit ihrem Team mehr als 80 Bilderbücher, die eine große Vielfalt an Themen, wie Naturwissenschaften, Technik, Naturphänomene, Weltraumfahrt und alte Kulturen abdeckten. Die Isotype Bilderbücher erzielten hohe Auflagen und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und international vermarktet. Heute sind sie mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Während zu Otto Neurath international geforscht wird, gibt es nur wenige Arbeiten über Marie Neurath.

Umso erfreulicher war es für diese Konferenz Vortragende aus unterschiedlichen Fachdisziplinen gewinnen zu können. Ein großer Dank geht auch an das Wirtschaftsmuseum, das Otto Neurath 1924 gegründet hat und lange Zeit die Arbeitsstätte des Ehepaars Neurath war. Mit der Ausstellung über das Leben von Otto und Marie Neurath und einen kleinen Einblick in das Kinderbuchschaffen Marie Neuraths bot es den perfekten Rahmen für die Vorträge und anregenden Diskussion über die Künstlerin.  

Sue Walker, Professorin für Typografie in der Abteilung für Typografie und grafische Kommunikation an der Universität von Reading, stellte in ihrem einleitenden Vortrag Marie Neuraths Isotype-Bücher für Kinder als Pionierarbeit in Grafikdesign und Illustration für junge Menschen vor. Unter anderem präsentierte sie die Reihen "Visuelle Geschichte der Menschheit", "Visuelle Wissenschaft", "Wunder der modernen Welt", "Die Wunderwelt der Natur" und "So haben sie gelebt". Walker stützte sich dabei auf Material aus der Otto und Marie Neurath Isotype Collection im Department of Typography & Graphic Communication der Universität in Reading. Sie zeigte nicht nur die Illustrationstechniken, sondern auch die enge Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen. Ihre Ausstellung 'Marie Neurath: Picturing Science" im House of Illustration im Jahr 2019 war sehr erfolgreich und kann auf der Seite www.marieneurath.org angesehen werden.

Im Nachlass des 1911 in Wien geborenen und 2001 in New York verstorbenen Paul Neurath, Sohn von Otto Neurath, befindet sich ein 119-seitiges undatiertes Typoskript von Marie Neurath mit dem Titel „An was ich mich erinnere“. Susanne Blumesberger, wissenschaftliche Bibliothekarin, Literaturwissenschaftlerin und Vorsitzende der ÖG-KJLF, gab einen Einblick in den Text, den Marie Neurath einige Jahre vor ihrem Tod verfasst hat, aber nicht zur Veröffentlichung vorsah. Die autobiographischen Reflexionen gliedern sich in die Abschnitte "Die frühen Jahre", "Die Jahre mit Otto Neurath" und "Nach Otto Neuraths Tod". Ihre Aufzeichnungen geben nicht nur Aufschluss über ihre eigene Lebensgeschichte und die ihrer Familie, sondern auch über gesellschaftspolitische Einflüsse und vor allem über die Entwicklung von Isotype. Anschaulich schildert Neurath, wie sie begann, u.a. Kindern in Afrika, die nicht lesen konnten, mit Hilfe der Gebärdensprache wichtige Informationen zu vermitteln, und wie sie ihre Kinderbücher vorbereitete. Neuraths Aufzeichnungen zeigen, dass sie bei der Entwicklung der Isotype eine größere Rolle gespielt hat, als ihr in den meisten Werken darüber zugestanden wird.

Emma Minns, stellvertretende Kuratorin der Sammlungen für Schrift, Druck und Grafikdesign in der Abteilung für Typografie und grafische Kommunikation an der Universität von Reading, stellte die Otto und Marie Neurath Sammlung vor, die 1971 der Universität von Marie Neurath geschenkt wurde. Sie enthält zahleiche Objekte, darunter originale großformatige Ausstellungstafeln aus den 1930er Jahren. Viele Sammlungsstücke wie Karten, Bücher und Zeichnungen, wurden bereits in Ausstellungen in ganz Europa gezeigt. Im Vortrag standen auch weniger bekannte Objekte im Mittelpunkt, wie etwa die Korrespondenz zwischen Marie Neurath und ihrem Team am Isotype Institut, aber auch Karten, Drucke und Spiele, die von den Neuraths gesammelt wurden und sie wohl stark inspirierten.

Bettina Kümmerling-Meibauer, Professorin am Deutschen Seminar der Eberhard Karls Universität Tübingen, sprach über den Einfluss der Avantgarde-Bewegungen der Zwischenkriegszeit auf Marie Neuraths Isotype-Bilderbücher. Vor allem drei Themen übten eine große Faszination aus: die Idee des aktiven und engagierten Kindes, die Hinwendung zu aktuellen politischen, technischen und naturwissenschaftlichen Themen und die Entwicklung einer universellen Kunstsprache, die auch ohne Vorkenntnisse gut verstanden werden kann. Letzteres war entscheidend für Avantgarde-Bewegungen wie den Konstruktivismus, die Neue Sachlichkeit und das Bauhaus, die eine neue Designsprache entwerfen wollten, die auf einfachen geometrischen Formen, serieller Anordnung und einer begrenzten Farbpalette basiert. Dies floss auch in die zeitgenössische Kinderliteratur ein. Buchprojekte, wie Die bunte Welt (1929) von Gerd Arntz, zielten darauf ab, komplexe Wissensprozesse auch für Kinder verständlich zu machen. Auch die Isotype-Bilderbücher von Marie Neurath spielten dabei eine herausragende Rolle. Die gut vernetzte Marie Neurath verfeinerte die künstlerischen und literarischen Ansprüche dieser sich entwickelnden Avantgarde, um die Wissensvermittlung an Kinder zu erleichtern.

Gökhan Ersan, Designer, Pädagoge und Historiker, lebt im Bundesstaat New York, SUNY Binghamton University, beschäftigte sich anhand Marie Neuraths A Message Around the World (1953) mit dem Aufbau einer grafischen Sprache für Elektromagnetismus. Gemeinsam mit Adprint, einer Buchproduktionsfirma in London, gestaltete Marie Neurath Infografik-Bände, die jungen Leser*innen wissenschaftliche Konzepte vermitteln sollten. Die ersten Bücher mit den Titeln If You Could See Inside (1948), I'll Show You How It Happens (1948), Railways Under London (1948) und Rockets and Jets (1952) verwendeten eine grafische Sprache, um die in alltäglichen Umgebungen und innovativen Produkten verborgenen technologischen Ebenen aufzuzeigen. Marie Neurath wollte jedoch Kindern die Grundlagen der Wissenschaft erklären. A Message Around the World (1953) war ein Buch über drahtgebundene und drahtlose Kommunikation, in dem Telefon-, Radio- und Fernsehtechniken erläutert wurden. Der Vortrag zeigte, wie Marie Neurath das wissenschaftlich verfügbare Wissen über Elektromagnetismus in eine modulare und kohärente grafische Sprache übersetzte.

Jörg Meibauer, emeritierter Professor für deutsche Sprache und Linguistik an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz referierte über Wahrheit und Verwandlung in Isotype-Bilderbüchern. Railways under London (1948) gehört zusammen mit If you could see inside (1948) und I'll show you how it happens (1948) zu den ersten anschaulichen Bilderbüchern von Marie Neurath, die den Prinzipien der Isotype folgen. Diese Bilderbücher sollten Fakten über die Welt wahrheitsgetreu und zuverlässig darstellen, so Meibauer. Die notwendige Vereinfachung, ist jedoch riskant, so Meibauer, denn sie erfordert sowohl auf der bildlichen als auch auf der textlichen Ebene, dass Aspekte der komplexen Wirklichkeit vereinfacht oder gar weggelassen werden. Meibauer zeigte anhand von Railways under London (1948) dieses Spannungsverhältnis zwischen Wahrheit - der korrekten Darstellung eines Ereignisses oder Sachverhalts – und der Transformation. Anschaulich demonstrierte Meibauer, dass einige technische Aspekte, z. B. die elektrischen Schaltkreise, nicht leicht zu verstehen sind. Die Farben werden nicht einheitlich verwendet, da Rot und Blau im gesamten Buch unterschiedliche Bedeutungen haben können. Im Großen und Ganzen hat das Buch zwar sein Ziel erreicht, überzeugend und ästhetisch über die Londoner U-Bahn zu informieren, lässt jedoch Fakten aus, die für Kinder von Bedeutung sein könnten. Insgesamt spiegelt es mit seinem ideologischen Ziel, die Schnelligkeit, Effizienz und Sicherheit der Londoner U-Bahn zu zeigen, den Optimismus der Nachkriegsjahre und die Hoffnung auf eine neue Ära des durch technische Erfindungen vorangetriebenen Wohlstands wider, so Meibauer.

Nikola von Merveldt, außerordentliche Professorin und Leiterin des Graduiertenstudiums der Germanistik am Départment de littératures et langues du monde der Université de Montréal, Kanada, sprach über visuelle Strategien in Marie Neuraths "Wunderwelt der Natur", einer Serie zwischen Magie und Wissenschaft. Otto und Marie Neurath fesselten die Aufmerksamkeit von Kindern, indem sie Bekanntes auf seltsame Weise neu präsentierten. Diese "Verfremdungs"-Technik funktionierte sowohl auf der konzeptionellen Ebene (z. B. die Betrachtung moderner Maschinen/Gebäude als "Kästen"), als auch in den visuellen Strategien, die in den ISOTYPE-Bilderbüchern zum Einsatz kamen, so Merveldt. Für If You Could See Inside (1948) entwickelte das Ehepaar Neurath Querschnitte, um das verborgene Innenleben von Gebäuden, Maschinen oder Tieren darzustellen. Sie benutzten die etwas seltsame Metapher des "magischen Messers", um ihre Technik, das verborgene Innere von Gebäuden, Maschinen oder Tieren zu enthüllen und zu beschreiben. Merveldt demonstrierte wie Marie Neurath in der Serie "Die Wunderwelt der Natur" unterschiedliche Sehweisen (Querschnitte, Vergrößerungen, Wiederholungen, Diagramme) einsetzte.

Sarah Hoem Iversen, außerordentliche Professorin für englische Sprache und Literatur an der Western Norway University of Applied Sciences (Bergen) beschäftigte sich mit den Themen Isotype, Gender und geschlechtsspezifische Körper. Bei der Darstellung von universellen visuellen Zeichen diente meist der männliche Körper als Norm, als prototypischer Mensch. Bei der Visualisierung der geschlechtlichen Fortpflanzung kam dem weiblichen Körper eine besondere Bedeutung zu. Dies wurde anhand der Bücher A New Life Begins (1961) und How the Baby Came (1963) anschaulich gezeigt.

Laura Little, Senior Lecturer für Verlagswesen am London College of Communication sprach über Sachbuchverlage für Kinder in Großbritannien, die eine lange Tradition haben und über den Einfluss Marie Neuraths Techniken auf heutige Kindersachbücher. Anhand von Beispielen aus den späten 1940er Jahren, die sich mit Wissenschaft und Technik befassen, wie If You Could See Inside (1948) und Railways under London (1948), untersuchte sie das Erbe von Neuraths Sachbuchdesign.

Mit der Londoner Buchverlagsfirma Adprint nach 1945 befasste sich Silke Körber, Philosophin und Lektorin für verschiedene Verlage. Sie untersuchte die Rolle der Emigrant*innen in Großbritannien bei der Entwicklung von Bildsachbüchern als Instrument der Wissensvermittlung. In dem Bestreben, objektive und gut gestaltete Informationen zu vermitteln, etablierten Isotype und Adprint kreative Praktiken und Strukturen in Zusammenarbeit mit britischen Verlagen. Marie Neurath trug zur Weiterentwicklung der engen Bild-Text-Strukturen bei, durch die Erweiterung des Themenspektrums und auch durch eine zunehmend freie visuelle Gestaltung. Mit der zunehmenden Internationalisierung des Verlagswesens erwiesen sich diese neuen Buchtypen als erfolgreich und setzten Maßstäbe in der Gestaltung und Aufbereitung von Wissen, um den allgemeinen Bildungsansprüchen und -anliegen der westlichen Nachkriegsgesellschaften gerecht zu werden.

Marnie Campagnaro, Assistenzprofessorin am Fachbereich FISPPA der Universität Padua und didaktische Koordinatorin eines Aufbaustudiengangs in Kinderliteratur, sprach über die Rezeption und den Einfluss von Marie Neurath auf die italienische Kinderliteratur. Der 1947 gegründete Verlag Fabbri Editori trug zur Förderung der Kultur im ganzen Land bei, auch im Hinblick auf Kinderbücher, die in seinem historischen Katalog eine besondere Rolle spielten. Ende der 1950er Jahre beschloss Fabbri Editori mehr als 20 Aufklärungsbücher von Marie Neurath ins Italienische zu übersetzen und zu veröffentlichen. Diese Bücher wiesen Gemeinsamkeiten mit anderen bedeutenden Künstlern auf, wie zum Beispiel mit Bruno Munari, einem italienischen Künstler, Grafiker und Illustrator, dem es gelang, in seinen Bilderbüchern Kunst und Design zu verbinden. Neurath und Munari interessierten sich für die Beobachtung der Natur und für das Experimentieren mit visueller Kommunikation, um die sichtbare Realität zu erklären. Sie waren der Meinung, dass sich manche Geschichten besser mit Bildern als mit Worten erzählen lassen. Sie kombinierten geometrische Elemente und organische Formen und verwendeten vereinfachte zeitgenössische Bilder, um das tägliche Leben darzustellen. Campagnaro analysierte die Rezeption und Übersetzung von Marie Neuraths Bilderbüchern in Italien und verglich die Isotype-Methode mit anderen italienischen Illustrationsstilen und –methoden.

Ilgim Veryeri Alaca, außerordentliche Professorin an der Koç-Universität Istanbul, Türkei, referierte über Neuraths Einfluss auf Werke aus der Türkei anhand einer Auswahl von Kinderbüchern, die in fast vier Jahrzehnten von den 1930er bis in die späten 1960er Jahre veröffentlicht wurden. Es zeigten sich Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede. Beispielsweise haben Neuraths Werke über technologische Fortschritte wie die Besonderheiten des Atomaufbaus haben in der Türkei zu dieser Zeit keine genaue Entsprechung. Die Themenauswahl und die grafische Sprache von Neurath haben die Gestaltung von Bilderbüchern in der Türkei inspiriert, manchmal auch nur in Teilen, wie z. B. bei der Verwendung von Farben. Ein Teil von Neuraths Einfluss gelangte wahrscheinlich durch den Austausch zwischen der Türkei und Österreich im frühen 20. Jahrhundert in die Türkei. Man könnte jedoch auch sagen, dass Neuraths Stilisierung der Bildsprache auf ein Minimum sich vielleicht von den zahlreichen Motiven traditioneller Kunstgegenstände in der Türkei und anderen Kulturen inspirieren ließ.

Sonja Schreiner, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Klassische Philologie, Mediävistik und Neulateinische Philologie der Universität Wien, fokussierte sich auf den Schönbrunn Verlag. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre war der renommierte Wiener Schönbrunn Verlag für den Vertrieb eines vielversprechenden "Best of" von Marie Neuraths kultigen Kinder- und Jugendbüchern zuständig, die für ihren revolutionären und bahnbrechenden Isotypie-Stil berühmt waren.

Einen Ausblick in die Zukunft ermöglichte Gernot Waldner, PostDoc an der Universität Wien, mit seinem Vortrag „Isotype Reloaded“. Fast hundert Jahre nach der Gründung des Museums versucht ein Team des Österreichischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums die Arbeitsweise Marie Neuraths und ihres Teams wieder aufzugreifen und erneut mit Rückkopplungsschleifen zu arbeiten. Eine soziologische Studie der Universität Wien, „Wege in die Zukunft“, untersuchte das Leben junger Wiener*innen an weiterführenden Schulen über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Die Studie fragt: Welchen Einfluss haben Familie, Geschlecht, Migrationshintergrund und andere Faktoren auf die Bildung junger Menschen? Das Projekt „Isotype Reloaded" zielt darauf ab, die soziologischen Erkenntnisse der Wissenschafter*innen auf gleichaltrige Jugendliche zurückzuführen. Anhand von Isotype-Diagrammen wird ein Überblick über die Geschichte des österreichischen Bildungssystems gegeben, gefolgt von einem Rollenspiel, in dem die Möglichkeiten zur Überwindung der in der Studie erhobenen Hindernisse diskutiert werden. Die Entwicklung dieses Projekts wurde dokumentiert, um diese von Marie Neurath mitbegründete Tradition der visuellen Bildung wieder lebendig werden zu lassen.

Ein Rückblick von Susanne Blumesberger.